Glückspilzragout und Elefant

2016-11-18-12-24-48.jpgMartin Suter ist sehr lange schon einer meiner Lieblingsautoren. Er schreibt viel – Romane, Krimis, Drehbücher, Songtexte – und bedient dabei eine beeindruckend große Bandbreite an Themen. Es geht um Menschen, die aus der Bahn geraten, um Wirtschaft, Politik, Geld und Macht, Liebesgeschichten, Freundschaft, Betrug und Verrat, Kunst und Kochen. Seine Bücher sind Gesellschaftsbetrachtungen, höchst spannend zu lesen, geschrieben in einer nüchtern aufgeräumten Sprache, die mit ihrer Klarheit eine große poetische Kraft entwickeln kann. Im Januar erscheint ein neuer Roman von Martin Suter. Es geht um Gentechnik, Gesellschaft, Werte und Moral.

Ich habe die Vorschau und Vorfreude auf das neue Buch zum Anlass genommen, um Die dunkle Seite des Mondes noch einmal in die Hand zu nehmen und dazu passend ein kleines herbstliches Lesefutter für Glückspilze anzurichten.

Weiterlesen Glückspilzragout und Elefant

Advertisements

Christoph Bauer, Jetzt stillen wir unseren Hunger

2016-10-29-12-59-27.jpg„Als ich mir heute die Schuhe schnürte und mich für meinen täglichen zweistündigen Spaziergang fertig machte, gab es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass ich schon auf halber Strecke eine Begegnung machen würde, von der ich jetzt in der Nacht, da ich diese Notizen mache, denke, dass sie mein gleichförmiges und in seiner Ereignislosigkeit zufriedenes Leben auf die angenehmste Weise erschüttert hat, und diese Erschütterung ist womöglich nur ein zartes erstes Zittern, verglichen mit dem Beben, das ihr, wie ich hoffe, ja mir jetzt in diesem Moment wie nichts wünsche, noch folgen wird.“

Es liegt Schnee in Kreuzberg. Tom Weinreich – gewohnheitsmäßiger Junggeselle, Müßiggänger, im Nebenberuf Fachmann für Personennahverkehr – geht am Landwehrkanal spazieren wie jeden Tag, immer denselben Weg, genau zwei Stunden lang. Dabei denkt er Spaziergangsgedanken, jeden Tag einen anderen. Seine größte Sorge ist, dass der Gedanke zu kurz ist für den Weg oder zu lang. Heute jedoch wird sein Gedanke von einer Fremden unterbrochen, die ihn anspricht. Tom weiß sofort: Sie ist die Seelenverwandte, auf die er schon längst nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Er lädt sie zu sich ein, und bei Rotwein, Käse und Brot reden sie über alle Dinge, die das Leben wirklich ausmachen. Sie unterhalten sich den ganzen Tag und die ganze Nacht über Bonn und Berlin, den Papst und den Zoo und den Friedhof in Kreuzberg, über Aufgeben, Aufstehen und Durchatmen, über ihre Besessenheiten und Merkwürdigkeiten, über Liebe und Glück. Und wie man sonst nur einem Traum verfällt, ergreift Mascha Besitz von Toms Denken und Leben. [KLAPPENTEXT]

Weiterlesen Christoph Bauer, Jetzt stillen wir unseren Hunger

Marco Kerler, Volkslyrik

„Es ist schön, ein Buch zu lesen, aber noch schöner ist es, ein Buch vorzulesen. Auch wenn oder gerade weil man schon erwachsen ist.“

Wenn die Bücherstapel in der Wohnung Woche für Woche wachsen und sich in buchstäblich jedem Zimmer Bücher befinden, in der Küche auf dem vollen Bücherregal die erste eigene aber nicht mehr funktionierende Schreibmaschine als Postkartenhalter thront, der Kleiderschrank im Schlafzimmer zum Bücherregal umfunktioniert wurde und die guten Stücke sogar im Badezimmerschrank landen, dann kann man es nicht mehr abstreiten, dann ist man ein Büchermensch.

Und nicht nur als Lesender ist Marco Kerler ein Buchmensch, auch als Schreibender widmet er sich den bedruckten Seiten des Lebens und hat damit früh begonnen. Als Kind hat er kleine Heftchen gebastelt, die er an Eltern, Großeltern und andere Verwandte verschenkte. Denn schon damals war ihm klar, dass etwas, was geschrieben wurde, auch gelesen werden sollte.

Weiterlesen Marco Kerler, Volkslyrik

Birne, Quitte, Kürbis

Aus Fontanes Werke in fünf Bänden, Erster Band, Gedichte, Meine Kinderjahre, Erinnerungen, Aufsätze und Theaterkritiken, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1979.
Aus Fontanes Werke in fünf Bänden, Erster Band, Gedichte, Meine Kinderjahre, Erinnerungen, Aufsätze und Theaterkritiken, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1979.

Kleines literarisches Herbstpotpourri zu Birne, Quitte und Kürbis.

Birne

Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck“ ist wohl seine bekannteste Ballade. Manch einer mag sie aus seiner Schulzeit kennen. Ich kann trotz oder gerade wegen der damaligen Pflichtlektüre seitdem von Fontane, ob nun Roman, Gedicht oder Ballade, nicht genug bekommen. Zu schön ist der wahre Kern hinter Fontanes Geschichten und die tiefsinnige Bedeutung von kleinen Gesten und Bildern in seinen Werken. Meist liegen Welten hinter den Worten. Fontanes Texte sind leise und all die Auslassungen zwischen den schönen Sätzen, all das, was nicht explizit erwähnt und beschrieben wird, ist Sommerfrische für unser mediengeschundenes Kopfkino.

Weiterlesen Birne, Quitte, Kürbis

Sara Lövestam, Die Wahrheit hinter der Lüge

„Es fiel ein seltsamer Regen an jenem Tag, als man mir Julia nahm.“

Dieser Krimi ist anders. Ein kleines Mädchen verschwindet, doch Pernilla, die Mutter, wendet sich nicht an die Polizei, sondern an einen jungen Privatdetektiv aus dem Iran. Dies ist sein erster Auftrag und Kouplan setzt mit seinen Mitteln alles daran, Julia zu finden.

In seiner Heimat hat er als Journalist gearbeitet, sein Asylantrag in Schweden wurde abgelehnt. Er führt in Stockholm ein verstecktes Leben und leidet unter der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Vor der Polizei hat er ebenso viel Angst, wie Pernilla und so sind die beiden in ihrer Suche nach Julia ein gutes Team.

Kouplan umgeht geschickt die offiziellen Wege, die ihm in seiner Situation nicht zugänglich sind. Er nützt seine Kontakte und gelangt schließlich auf eine Spur, die in die Unterwelt Stockholms führt. Zu einem kleinen Mädchen, das gefangen ist und das Julia sein könnte. Aber obwohl Kouplan sich in ihrer unmittelbaren Nähe befindet, weiß er nicht, ob er ihr helfen kann.

Weiterlesen Sara Lövestam, Die Wahrheit hinter der Lüge

Pierre Jarawan, Am Ende bleiben die Zedern

produkt-10002667„Alles pulsiert, alles leuchtet. Beirut bei Nacht, diese funkelnde Schönheit, ein Diadem aus flirrenden Lichtern, ein Band aus Atemlosigkeit.“

Mit bildgeladener Sprache schildert Pierre Jarawan den Libanon und die Reise Samirs dorthin, um seinen Vater zu suchen und sich selbst zu finden. Vor zwanzig Jahren hat der Vater die Familie verlassen und alles, was Samir von ihm geblieben ist, ist ein rätselhaftes Bild, die ins Gedächtnis eingebrannte Erinnerung an ein letztes Gespräch und die Geschichten des Vaters, der immer ein großartiger und fantasiereicher Erzähler war.

Der Libanon überwältigt Samir mit einem sinnlichen Rausch aus Gerüchen, Geräuschen und Begegnungen. In dem geschundenen und gespaltenen Land, macht er sich auf den Weg, um seine Geister der Vergangenheit zu vertreiben und die eigenen Wurzeln zu finden. Die märchenhaften Figuren aus den Erzählungen seines Vaters begleiten ihn dabei auf zunehmend reale Weise, bis er an den Urspung seiner eigenen Existenz gelangt und endlich die Rätsel der Vergangenheit lösen kann.

Ein Roman über den Zauber der Kindheit, die faszinierende Schönheit des Libanons und die dramatische Geschichte des Nahen Ostens voller Wendungen, Tragik und Hoffnung.


Passend zu den sinnlichen Eindrücken aus „Am Ende bleiben die Zedern“ gibt es heute im Blog zwei Rezepte aus der libanesischen Küche, die in der Küche mit ihren Gerüchen und Aromen zum Weiterdenken der Geschichte einladen.

Weiterlesen Pierre Jarawan, Am Ende bleiben die Zedern

Håkan Nesser, Die Lebenden und Toten von Winsford

img_5544

Mein Buchmensch Nummer eins ist Alf. Ich habe ihn hier in Lissabon mit Håkan Nesser und „Die Lebenden und Toten von Winsford“ fotografiert und ihn zum Thema Lesen und Bücher befragt. Alf ist Musiker und Donald Duck Fan. Wir sehen uns auch sonst öfter lesend, zum Beispiel am Frühstückstisch oder abends auf dem Sofa.  Das hier ist eines meiner liebsten Lesefotos, denn ich finde, es zeigt ganz gut die ganze Genusspalette des Lesens und auch, dass Lesen durchaus sexy ist 😉

Weiterlesen Håkan Nesser, Die Lebenden und Toten von Winsford

Jami Attenberg, Die Middlesteins

Die Middlesteins von Jami Attenberg„Sie musste ihrer Tochter doch zu essen geben!“

Manch eine Familie hat ihre Last zu tragen und die Kunst besteht dann darin, trotzdem zusammenzuhalten. Im Falle der Familie Middlestein lässt sich diese Last sehr exakt in Kilos benennen. 150 Kilo bringt die 60-jährige Edie Middlestein auf die Waage. Das stolze Gewicht hat sie sich über die Jahre beharrlich angefuttert und was ihre Gesundheit angeht ist sie leider komplett beratungsresistent.

Aber ihr Körper und ihre Familie stehen kurz vor dem Kollaps. Als Ehemann Richard aufgibt, sich nach dreißig Jahren von Edie trennt und in Online-Dating-Portalen verliert, beginnt für die beiden erwachsenen Kinder, Tochter Robin und Sohn Benny, sowie die gesundheitsfanatische Schwiegertochter Rachelle ein Wettlauf um die Rettung Edies, bei dem sich meist alle Beteiligten gegenseitig im Wege stehen.

Edie unternimmt derweil munter weiter ihre nächtlichen Ausflüge zum Kühlschrank, ihre Fahrten zu sämtlichen Fast-Food-Filialen der Umgebung und beginnt eine Affäre mit dem Koch ihres liebsten Chinarestaurants.

Und dann ist da noch die geplante Bar-Mizwa-Party der Zwillingsenkel, Josh und Emily, die trotz penibler Vorbereitung durch Rachelle, Tanzunterricht und geplantem Schokobrunnen angesichts der familiären Ausnahmesituation eine Katastrophe zu werden droht.

Alles dreht sich in diesem Buch ums Essen, was grundsätzlich schön ist, aber hier im wahrsten Sinne des Wortes schwer wiegt. Eine „irrwitzige Komödie“, wie es der Klappentext ankündigt, ist der Roman für mich nicht. Zwar ein Buch zum Verschlingen, locker-leicht geschrieben mit leise komischen Momenten, aber einem konsequent melancholischen Rauschen, dass einem ganz schwer wird ums Herz.

Jami Attenberg, Die Middlesteins, btb, 272 Seiten, Taschenbuch, A 10,30 Euro, D 9,99 Euro.

 

Juli Zeh, Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh„‚Das Tier hat uns in der Hand.'“

In Unterleuten herrscht Krieg. Das brandenburgische Dorf ist tief gespalten, Grund dafür ist ein geplanter Windpark. Die Dorfbewohner haben ihre eigenen Methoden, das Problem zu lösen und die Neu-Unterleutner, hippe Aussteiger, meist aus dem nahen Berlin, finden nicht ihr ersehntes Idyll, sondern befinden sich bald mitten in einem höllischen Kampf zwischen Windparkgegnern und -befürwortern. Die bereits glimmenden Krisenherde zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen werden damit endgültig entfacht. Außerdem gibt es Konflikte zwischen Männern und Frauen, Rätsel um alte Liebschaften, zwanzig Katzen, ein verschwundenes Kind und ein furchtbares, ungeklärtes Ereignis, das lange zurück liegt und trotzdem ständig präsent ist. Kurzum: „Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv“.

Da ist Armin Seidel, der einsame Bürgermeister, dessen Frau viel zu früh gestorben ist und deren Tod Unerhörtes offenbart hat. Da ist Gombrowski, Landwirt und heimlicher Patriarch, der das Dorf im Griff zu haben scheint. Mit seinem Widersacher Kron verbindet ihn eine lange Geschichte und ein dunkles Geheimnis. Da ist der Automechaniker und Schrotthändler Bodo Schaller, dick und dubios, der auf seltsame Art und Weise sein Gedächtnis verloren hat.

Und da ist die Garde der Großstadtflüchtlinge: Gerhard Fließ, ehemaliger Soziologie-Professor, jetzt Angestellter des Vogelschutzbundes Unterleuten, verheiratet mit Jule, seiner ehemaligen Studentin. Außerdem Linda Franzen und Frederik Wachs. Frederik lässt es ruhig angehen, er ist Spiele-Entwickler beim gewachsenen Startup-Unternehmen Weirdo in Berlin und betrachtet die Geschehnisse in Unterleuten lange mit einem gewissen Abstand. Ihn interessiert hauptsächlich Lindas Wohlergehen. Die ist besessen von ihrem Zuchthengst Bergamotte und der Idee eines Pferdehofs. Wenn es um ihre Ziele geht ist sie knallhart und bereit, ihren Willen entgegen aller Hindernisse durchzusetzen.

Als im Kampf um die Windräder alte Fehden aufbrechen, verstehen die Zugezogenen die Dorfwelt endgültig nicht mehr. Trotzdem mischen sie sich mit unbeholfener großstädtischer Arroganz in Dinge, die sie nicht durchblicken. Bis am Ende die Situation für alle Beteiligten eskaliert und das freiheitsliebende Dorf Unterleuten implodiert.

Weiterlesen Juli Zeh, Unterleuten

Nele Pollatschek, Das Unglück anderer Leute

„‚Ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie‘, sagte ich.“

Bei Loriot liegt das Komische im Alltäglichen, in den, wie es in einem Bericht der Sendung Capriccio im Bayerischen Fernsehen so schön hieß, „hoch komplexen Hürden“ der Kommunikation, die es bereits am Familientisch gibt, „wo das Scheitern oftmals seinen Anfang nimmt“. Das Verzweifeln an der eigenen Familie, die Komik gescheiterter Kommunikation und skurrile zwischenmenschliche Begegnungen schildert auch Nele Pollatschek in ihrem Debütroman. Die Handlung ist komisch – komisch lustig, komisch merkwürdig, aber auch traurig und manchmal alles auf einmal.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Thene, Mitte zwanzig, die in Oxford studiert, aber am liebsten zuhause in Heidelberg ist und an ihrem Klapptischchen im Odenwald auf einer Lichtung sitzt, um zu lesen und zu schreiben. Was die Geruhsamkeit angeht, macht ihr ihre verrückte Familie jedoch oftmals einen Strich durch die Rechnung. Ihre Mutter Astrid ist Gutmensch und Hippie. Sie wird gerne von anderen Menschen gebraucht. Mit ihren Weltverbesserungsideen hat sie so viel zu tun, dass ihre eigenen Kinder meistens auf der Strecke bleiben.

Thenes Vater Georg liebt Astrid für ihre Ideale und hält es trotzdem nicht mit ihr aus. Deshalb ist er, als Thene zehn war, für ein paar Jahre verschwunden. Jetzt ist er wieder da und glücklich mit Christoff liiert. Thenes Halbbruder Elijah ist Zauberer, sein Vater ist der jüdisch-orthodoxen Dogmatiker Menachem. Und auch die kleine Schwester Trixie, die Großeltern väterlicherseits und die Oma mütterlicherseits lassen ihrerseits keine Langeweile aufkommen.

Dabei wünscht sich Thene meistens einfach ein klein wenig Normalität. Als ihre Studienabschlussfeier in Oxford ansteht, macht sich ein Teil der Familie auf den Weg dorthin. Doch Astrid muss wieder einmal ihren Willen durchsetzen und dann gerät Thenes Welt endgültig aus den Fugen…

Ein witziger Roman mit schön flotten Dialogen, originellen Charakteren und einem leider für meinen Geschmack etwas zu abrupten Ende.

Nele Pollatschek, Das Unglück anderer Leute, Galiani Berlin, 224 Seiten, Gebunden, A 19,60 Euro, D 18,99 Euro.